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Umweltdiskussion

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"Ein Glaubenskrieg, der mit harten Bandagen ausgetragen wird" - so urteilt ÖKO-TEST1 über die Diskussion, die sich um die Umweltverträglichkeit von Stoff- und Wegwerfwindeln rangt. Und wagt in den letzten Artikeln zum Thema lieber kein eigenes Urteil, sondern wartet auf eine aktuelle Studie.

Für viele Eltern ist die (in der Vergangenheit lange Zeit angenommene und von etlichen Umweltverbänden bestätigte*) bessere Öko-Bilanz von Stoffwindeln der einzig vorstellbare Grund, welche zu benutzen. Und so freute sich mancher, das schlechte (Öko-)Gewissen beruhigen zu können, als diese angezweifelt wurde. Daher wohl die "harten Bandagen"... Nun gibt es etliche Studien zu diesem Thema - im Prinzip kann sich jeder eine mit dem jeweils erwünschten Ergebnis herauspicken. Warum nur ist eine endgültige Aussage anscheinend so schwer, und warum sind die bereits bestehenden Studien nicht mehr aussagekräftig genug?

Was ist vor einer Studie zu beachten?

Bevor eine Studie durchgeführt werden kann sind eine Reihe von Vorannahmen zu treffen, die sehr unterschiedlich ausfallen können, z.B.:

  • Wie viele Windeln werden täglich gebraucht?
  • Wie wird die Baumwolle für die Stoffwindeln erzeugt?
  • Welche Art von Überhöschen wird benutzt und verhält es sich eventuell umweltschädlich bei Erzeugung oder Entsorgung?
  • Wie werden die Materialien vorbehandelt (gebleicht etc.)?
  • Wie werden die Stoffwindeln gewaschen, d.h. bei welcher Temperatur, mit welchem Waschmittel und mit welchem und mit wie viel Wasser?
  • Wie werden die Stoffwindeln getrocknet?
  • Wie oft können die Stoffwindeln und Überhöschen benutzt werden, bevor sie zerschlissen sind?
  • Wie lang ist die gesamte Wickelperiode bis zum trocken werden, bzw. ist sie bei den Windelarten unterschiedlich lang?
  • Wie schwer ist die gebrauchte (Wegwerf-)Windel, wenn sie auf dem Müll landet?
  • Wie wird sie entsorgt (Deponie, Müllverbrennung)?

Was ist bei einer Studie zu beachten

Wer meint, bei einer Umweltbilanz müsse man lediglich das Müllaufkommen bei den Wegwerfwindeln und den Wasserverbrauch für das Waschen der Stoffwindeln gegen rechnen, irrt gewaltig. Die Punkte, die sich bei den einzelnen Windelarten negativ auf die Bilanz auswirken (können) sind folgende :

Bei Stoffwindeln:

  • Wasserverbrauch und Pestizideinsatz beim Anbau der Baumwolle (der bei konventionellem Anbau recht groß sein kann)
  • Bleichen der Windeln und der Überhöschen
  • Energieverbrauch zur Erzeugung von Windeln und Überhöschen
  • PVC- oder andere chlorierte Kunststoffe in den Höschen (lt. ÖKO-TEST1 teilweise vorhanden)
  • Wasserverbrauch beim Waschen der Windeln
  • Abwasserverunreinigung durch die Wäsche 
  • Belastung der Luft mit Schwefeldioxid und Stickoxiden durch die Emissionen der Kraftwerke, die den Strom für das Waschen und eventuell auch das Trocknen liefern
  • Energie- und Rohstoffverbrauch für die Herstellung des Waschmittels
  • Beim Windeldienst die Luftbelastung, die durch das Ausfahren entsteht
  • (Nicht verrott- oder recycelbare) Überreste bei der Entsorgung des Innenvlieses und der Windeln und Überhosen nach Verschleiß, und ev. auch der Windelverpackung
  • Transporte der Rohstoffe und einzelnen Windeln zum Verbraucher

Bei Wegwerfwindeln:

  • Nicht verrott- oder recycelbare Überreste bei der Entsorgung der Windeln (die Plastikhülle und die Polyacrylate sind nicht biologisch abbaubar; die Verpackung ist heute i.d.R. aber wieder verwertbar)
  • Die Müllmenge - der Berg, den ein 30-Monate altes Wickelkind produziert hat, wäre ca. fünf Meter hoch und würde fast eine Tonne wiegen5a. Dazu kommt noch die Verpackung (die aber in den letzten Jahren stetig geschrumpft ist). Das sind im Schnitt 5 Prozent des deutschen Müllaufkommens, in manchen Städten sogar 107b. Manche Gemeinden haben solche Probleme mit ihrem Müll, dass sie Eltern, die natürlich wickeln wollen, finanziell unterstützen
  • Verbrauch am Grundstoff "Baum" zur Erzeugung des Zellstoffs
  • Wasserverbrauch und Abwasserverunreinigung bei der Herstellung des Zellstoffs (der allerdings in den letzten Jahren stark gesunken ist; früher war der Wasserverbrauch höher als beim Waschen von Wegwerfwindeln)
  • Energie- und Rohstoffverbrauch bei der Herstellung des Superabsorbers
  • Energie- und Rohstoffverbrauch (Erdöl) bei der Herstellung der Plastikhülle 
  • Energie- und Rohstoffverbraucht für die Herstellung der Vliesstoffe (i.d.R. Polypropylen)
  • Transport der Rohstoffe und einzelnen Windeln zum Verbraucher

(Die Listen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit)

Was ist schlecht an den bisherigen Studien?

Alte Studien sind nicht mehr aussagekräftig genug, weil sie von falschen Annahmen ausgehen oder falsche Daten benutzen, bzw. diese einfach veraltet sind. Gerade bei den Vorannahmen wurden manchmal gravierend falsche Werte benutzt (oft - aber nicht nur - zu ungunsten der Stoffwindeln).  Im Laufe der Zeit ändern sich beiderseits die Herstellungsverfahren, meist zu einer verbesserten Umweltverträglichkeit hin, und die Qualität der Produkte steigt.

Gerade auch die in Deutschland (teilweise heute noch) oft zitierte Studie ist heftig ins Gerede gekommen10 1. Sie wurde 1989 von der Bundesregierung in Auftrag gegeben, und von "Procter & Gambler" (Hersteller von Pampers) durchgeführt und finanziert. Man kam zu dem Ergebnis, dass "keine der beiden Windelarten (Höschen- oder Baumwollwindeln) bei Berücksichtigung sämtlicher Umweltaspekte, d.h. Rohstoffbedarf, Abfälle, Abluft und Energiebedarf, eindeutige Vorteile zeigt".

Das Ergebnis einer neuen und aktuellen Studie, die vom Umweltbundesamt (UBA) geplant ist, ist immer noch nicht in Sicht1. Ein Herr vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit bestätigte mir, dass die Windelproblematik in der Wichtigkeitsskala nicht gerade oben an steht. Solche Studien kosten den Staat viel Geld, wenn sich kein "Sponsor" meldet - und der findet sich oft nur, wenn jemand mit ausreichend finanziellem Hintergrund sich vom Ausgang einer Studie ein positives Ergebnis erhofft.

Kann es überhaupt ein Pauschalurteil geben?

Selbst wenn die langersehnte neue Studie endlich zu einem Ergebnis kommt - kann man überhaupt ein allgemein-gültiges Urteil treffen, bei der die angenommenen Vorraussetzungen denen entsprechen, die für den einzelnen gelten? Zudem das Ergebnis ohnehin recht knapp auszufallen scheint, bzw. sich kaum Unterschiede in der Ökobilanz ergeben (das ist auch das Ergebnis der meisten älteren Studien). Ich kenne z.B. Eltern, die relativ ineffektive gebleichte Mullwindeln aus konventionellem Anbau benutzen, somit alle zwei-drei Stunden wickeln, ihre Windeln bei 95° waschen, in den Trockner stecken und obendrein noch bügeln. Andere kaufen Windelhöschen in kbA-Qualität, waschen mit wenig - durch die Heizung gewärmtem - Regenwasser, ökologischem Waschmittel, und hängen sie zum Trocken ins Freie. Es dürfte klar sein, dass sich die Öko-Bilanz hier gravierend unterscheiden wird. Das Pauschalurteil einer Studie ist also zunächst immer mit Misstrauen zu betrachten - und im Endeffekt muss sich vielleicht doch jeder ein eigenes Urteil bilden, und entscheiden woran er "glaubt".

Die Öko-Bilanz beeinflussen?

Einerseits heißt dies, dass Wegwerfwindel-Benutzer bezüglich der Umwelt kein schlechtes Gewissen haben müssen. Andererseits, dass Eltern die es möchten, bei der Verwendung von Stoffwindeln einige Möglichkeiten haben, die Umweltbilanz zu verbessern. Denn viele der vorauszusetzenden Annahmen sind hier von den Eltern beeinflussbar. So können sie:

  • Die Baumwoll-Windeln ungebleicht aus kontrolliert biologischem Anbau erstehen (dies kommt auch dem Kind zugute, weil keine giftigen Spritzmittel benutzt werden). Auch Schurwolle bekommt man aus kontrolliert biologischer Tierzucht (Naturtextil-Anbieter aus Deutschland bemühen sich generell um diese Punkte).
  • Ein effektives modernes Wickelsystem benutzen, mit dem man höchstens noch halb soviel Wäsche hat wie mit alt hergebrachten Methoden.
  • Aufwendig einzeln verpackte Windeln meiden.
  • Ein ökologisch gut verträgliches Baukasten-Waschmittel benutzen (auch das kommt dem Kind zugute).
  • Die Windeln bei voller Trommel mit höchstens 60° waschen und nicht bügeln (falls nicht wegen Soor erforderlich).
  • Auf den Trockner verzichten.
  • Das Waschen generell möglichst umweltschonend gestalten, indem z.B. Regen- oder Brunnenwasser benutzt wird, das Warmwasser mit umweltfreundlicheren Energien als Strom erzeugt wird, etc.
  • Die Windeln fürs zweite Kind weiterverwenden, oder Second Hand verkaufen.
  • Langlebige Überhöschen aus Schurwolle und Mikrofaser benutzen, die selten gewaschen werden müssen, und die laut ÖKO-TEST keine schädlichen Kunststoffe enthalten.
  • Einen Windeldienst in Anspruch nehmen. Denn Windeldienste waschen mit Industrie-Maschinen große Mengen an Windeln besonders effektiv und wassersparend und benutzen spezielle umweltschonende (und babyfreundliche) Waschmittel. Die Umweltbelastung durch den leider wieder zusätzlich anfallende Transport jeder Windel wird durch moderne Tourenplanung und Fahrzeugtechnik möglichst gering gehalten.

Bei Wegwerfwindeln haben Eltern kaum eine Möglichkeit, die Umweltbilanz positiv zu beeinflussen. Ob ungebleichte Wegwerfwindeln wirklich ökologischer sind ist umstritten. Der Verzicht aufs Bleichen (das ÖKO-TEST als völlig überflüssig wertet1) schont zwar zunächst die Umwelt. Aber im ungebleichten Zellstoff sind noch Reste des Holzanteiles (Lignin) auf der Faseroberfläche vorhanden, die hydrophob, also wasserabweisend, sind. Deshalb kann der Zellstoff seine Funktion, den Urin aufzunehmen, "Zwischenzupuffern" und weiterzuleiten, bis der Superabsorber ihn in Gel umwandelt (was eine gewisse Zeit dauert), schlechter wahrnehmen. Das bewirkt einerseits, dass mehr Material eingesetzt werden muss, und andererseits, dass der Urin langsamer und schlechter aufgenommen wird. Während sich z.B. die Aufnahmekapazität der "Moltex-Öko" eigentlich nicht gravierend von den meisten anderen Windelsorten unterscheidet, ist die Aufnahmegeschwindigkeit der Flüssigkeit wesentlich geringer1c. Somit dürfte sich zwar der Eindruck mancher Eltern, die "Moltex-Öko" sauge wesentlich weniger nicht bestätigen, jedoch wird das Baby eher nass - ein häufigerer Windelwechsel ist oft die Folge. Mehr Materialeinsatz und ein höherer Windelverbrauch wirken sich jedoch wieder nachteilig auf die Öko-Bilanz aus.

Eine weitere Alternative für eine bessere Öko-Bilanz wären verrottbare Fertigwindeln. Angeblich gibt es welche mit biologisch abbaubarer Hülle aus Maisfolie, die auf dem Kompost verrotten würde. Die genauen Fabrikate kenne ich leider nicht. In den USA ist eine Kombination aus Stoffüberhosen und Einmal-Wegwerfeinlagen die dann ebenfalls kompostierbar sind.