"Aggressives Kind in der Grundschule"

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Anonym schrieb am 12.11.2019 08:23

Aggressives Kind in der Grundschule

Hallo,

bei meinem Erstklässler ist ein Junge in der Klasse, der auffällig ist.
Es gab schon eine Klassenkonferenz, die zweite steht an.
Sobald er sich geärgert fühlt haut oder tritt er, die Liste ist lang, es sind immer unterschiedliche Kinder, manchmal nur eines am Tag, häufig zwei oder drei. Anfangs kam er wohl noch gut mit, jetzt hat er wohl öfter die Hausaufgaben nicht gemacht.
Mein Kind erzählt, er hätte die Hausaufgaben nicht, weil die Mutter ihn in sein Zimmer geschickt hätte, sein Vater würde ihm sagen, wenn die Kinder ihn ärgern, soll er sie schlagen.

Eine zeitlang war die Mutter oder Großmutter in der Pause da, weil die Lehrerin ihn nicht alleine rauslassen wollte, damit er keinem weh tut. Jetzt ist er meistens drin, obwohl ihm die Bewegung gut tun würde.

Der Mutter wurde wohl ans Herz gelegt, sich um einen Schulbegleiter zu bemühen, aber das dauert wohl recht lange.

Mit der Klassenlehrerin hab ich darüber gesprochen, sie ist schon lange im Beruf, aber ihr wäre das so noch nie passiert. Die Klassengemeinschaft trägt das Kind im Moment noch gut mit. Aber die Stimmung kann natürlich auch kippen.

Mir tut es leid um das Kind, denn, das sagen die Lehrer auch, in seinen guten Phasen ist er sehr nett u. hilfsbereit.



Antworten

Anonym schrieb am 12.11.2019 09:01

Guten Morgen,

was ist denn deine Frage? Oder möchtest du nur einen Austausch?

Ich selbst bin Mutter eines „aggressiven Kindes in der Grundschule“. Mein Erstklässler hat mit seinem für uns unerwarteten Verhalten seit der Einschulung unser Leben komplett auf den Kopf gestellt. Er war schon immer ein potentiell „aggressives“ Kind, kennt ausgeprägte Wutanfälle, wird körperlich gegen Dinge und dann, wenn er aufgefordert wird das zu lassen, auch gegen Erwachsene. Nicht gegen Kinder. Aber das ist tatsächlich kein Vorteil, im Gegenteil, die Reaktion der Schule kam prompt und es drohte ein Schulausschluss. In Zusammenarbeit mit dem Lehrer haben wir eine Wiedereingliederung gemacht und stehen in engem Kontakt. Außerdem sind wir in der Diagnostik. Und ich kann dir sagen: Das dauert ewig! Keine zwei Wochen nach dem ersten Vorfall saßen wir schon dort (und das ist unfassbar schnell, das ging nur so schnell, weil ich nicht locker gelassen habe) und das ist nun vier Wochen her und in einer Woche haben wir den nächsten Termin. Es wird Monate dauern, manchmal wohl auch über ein Jahr, bis es eine Diagnose gibt. Und vorher gibt es nichts. Keine offizielle Hilfe. Nichts.
Wie gesagt, mein Leben steht seither Kopf, denn ich bin eben auch noch Alleinerziehend und fast Vollzeit berufstätig und habe noch mehr Kinder und worum ich mich am meisten Sorge, ist mein Kind. Es gibt einen Verdacht bei ihm, aber keine Diagnose. Und nur auf Verdacht gibt es nichts.

Wenn sich die Mutter um eine Schulbegleitung kümmern möchte, gibt es ja aber offenbar eine Diagnose?! Dann wird die wohl Asperger oder Autismus oder so heißen, oder?! Vielleicht auch ADHS?! Deine sehr grobe Beschreibung lässt ja auch in die Richtung spekulieren. Vor dem Hintergrund sollte man es der Mutter hoch anrechnen, dass sie diese Wege bereits gegangen ist und es muss für sie, auch wenn es für den Außenstehenden nicht so aussieht, ein enormer Kraftaufwand sein, das zu organisieren.

Sollte das Kind keine Diagnose haben, wird es keinen Schulbegleiter geben.
Ich habe in den letzten Wochen folgende Stellen abgegrast: Kinderarzt, schulpsychologische Beratungsstelle (beim Schulamt), Schulamt an sich, Kinderpsychologe, Kinderpsychiater, Neurologe, Erziehungsberatungsstelle.
Es wird, wenn die Situation so brenzlig ist, wie du es beschreibst, ein Marathon.

Ich habe viel dazu gelesen. Fachbücher und Aufsatzsammlungen von Fachtagungen und Symposien zu hyperkinetischem und oppositionellem Verhalten, ADHS, Asperger, auch zu „gefühlsstarken Kindern“, wie es in meinen Augen verniedlichend heißt.
Ich frage mich angesichts solcher Aussagen wie der der Lehrerin, sie habe so etwas noch nie erlebt (wurde bei uns auch gesagt), in welch heiler Welt einige Schulen zu leben scheinen. (Und erfahre hintenrum, wie bisher mit „solchen Kindern“ umgegangen wurde - nämlich ab auf die Sonderschule).

Kennst du die Eltern? Kannst du mit ihnen reden?

Anonym schrieb am 12.11.2019 09:37

Guten Morgen,

was ist denn deine Frage? Oder möchtest du nur einen Austausch?
In Zusammenarbeit mit dem Lehrer haben wir eine Wiedereingliederung gemacht und stehen in engem Kontakt.


Ich frage mich angesichts solcher Aussagen wie der der Lehrerin, sie habe so etwas noch nie erlebt (wurde bei uns auch gesagt), in welch heiler Welt einige Schulen zu leben scheinen. (Und erfahre hintenrum, wie bisher mit „solchen Kindern“ umgegangen wurde - nämlich ab auf die Sonderschule).

Kennst du die Eltern? Kannst du mit ihnen reden?


Tja, was ich möchte? Einen Austausch, eine Erfahrung.
Das was du schreibst, finde ich schon gut.

Die Mutter kenne ich nicht, ob sie sich tatsächlich gekümmert hat, weiss ich nicht. Ich denke, ich werde sie bei der nächsten Klassenkonferenz kennenlernen u. auch hören, was sie zu erzählen hat. Bei der ersten war sie nicht dabei, weil sie keine Zeit hatte.

Ja, wahrscheinlich leben wir bisher in einer "heilen" Welt, mit einer mittelgrossen Grundschule im recht ländlichen Bereich.

Ja, auch ihm droht ein Schulausschluss. Wobei wir drei Elternvertreter uns einig sind, dass das nicht der richtige Weg ist, er kommt jetzt schon mit dem Stoff nicht richtig hinterher, aber eine gute, tragbare Idee haben wir auch nicht.

Wie läuft denn eine Wiedereingliederung ab? Wie im Berufsleben, immer nur ein paar Stunden, langsam steigernd?

Anonym schrieb am 12.11.2019 11:40

Ich wieder von vorhin :)

Das ist dann aber keine klassenkonferenz im eigentlichen Sinne, sondern ein Elternabend, oder?! Und der beschließt ja auch keinen Schulausschluss und gar nichts. Oder reden wir nicht über eine Schule in Deutschland?

Mir fällt noch ein, dass man die Schulsozialarbeit ins Boot holen kann, die als Mittler zwischen Schule und Eltern agiert. Alternativ kann auch, wenn es keine Schulsozialarbeit gibt (wie an unserer Mini-Schule), oft über das Schulamt oder Frühförderstellen oder ähnliches jemand geholt werden, der beobachtet und berät. Und die haben ja auch Einblick und Ideen, in welche Richtung es gehen könnte. Ist das Kind einfach unerzogen oder kann da auch mehr dahinterstecken, etwas, was "Störung" heißt und wofür es Hilfen gibt.
Denn es gibt sie! Man bekommt sie halt nur nicht einfach so.
Und wenn es eine "Störung" ist, dann lässt es sich eben auch nicht einfach so "wegerziehen".

Ich glaube deine Rolle als Mutter ist da ziemlich schwierig jetzt, wenn du die Eltern nicht kennst. Man sollte ja davon ausgehen, dass die Lehrer den Eltern sagen können, wer Ansprechpartner ist, aber auch ich musste erfahren, dass da kaum konkretes Wissen vorhanden ist.
Im Gegenteil, ich sollte doch mal bitte einen Flyer von der städtischen Erziehungsberatungsstelle mitbringen, das sei ja interessant, dass es so ein Angebot gebe und das sogar kostenlos...

Ich rede hier recht offen darüber, was passiert ist und welche Wege ich jetzt gehe, aber ich merke, dass das sehr schambehaftet ist. "Oh, beim Psychiater, krass." Warum krass?! Nur der kann halt bestimmte Sachen ausschließen und auf bestimmte Dinge testen und ich will meinem Kind ja helfen. Aber einige Eltern tun sich so schwer erstmal abzuerkennen, dass sie am Ende ihres Lateins sind und dann irgendwann auch am Ende ihrer Kräfte. Denn die situation ist sicher auch für das Kind und die Eltern anstrengend (Wenn sie es denn als Problem wahrnehmen).

Diese Wiedereingliederung war eine individuelle Absprache mit dem KL. Nach dem zweiten Ausraster (in zwei Wochen! Also völlig andere Dimension als bei deinem Fall offenbar) ließ ich ihn drei Tage komplett daheim und wir haben die Aufgaben bekommen und daheim gemacht (in einer halben Stunde - die Gefahr war groß, dass er erkennt, wie lange er für so wenig Neues in der Schule hocken soll...) und sind danach mit zwei Stunden täglich gestartet. Dann ging es sukzessive hoch auf drei, dann vier Stunden, dann Schule nach Stundenplan und schließlich auch wieder Hort. Das ganze erstreckte sich über drei Wochen. Seit vier Wochen ist in der Schule nichts mehr gewesen, aber ich musste alles umkrempeln und ich sitze keine Sekunde ruhig, wenn ich selbst daheim bin, weil ich immer Angst habe, das Telefon würde wieder klingeln.
Und über die Stimmung beim Kind am Nachmittag und Abend reden wir mal lieber nicht ;) Das ist halt der Preis für die Ruhe am Vormittag, sage ich mir immer.
Wir arbeiten an uns, und anfangs war es ganz schlimm und nun wird es immer besser und ich hoffe, es reißt mir nicht den Boden unter den Füßen weg, wenn wieder ein Anruf kommt.

Also vielleicht kannst du ja den Kontakt zu den Eltern suchen? Ich habe mich total verkrochen in der ersten Zeit und war doch ganz glücklich, wenn mich jemand ansprach. "Besondere Kinder" machen auch auf eine gewisse Art einsam.

Darf ich fragen, wo ihr wohnt?! Also welches BL oder Ausland?

Gruß!

Anonym schrieb am 12.11.2019 11:56



Das ist dann aber keine klassenkonferenz im eigentlichen Sinne, sondern ein Elternabend, oder?!

Darf ich fragen, wo ihr wohnt?! Also welches BL oder Ausland?

Gruß!


Hallo,
doch schon Klassenkonferenz u. nicht Elternabend, mit Schulleitung, betroffenen Lehrern, betr. Eltern u. Kind, Elternvertreter. Wir wohnen in Niedersachsen.

Anonym schrieb am 30.01.2020 10:11

Hallo,
ich nochmal.
Inzwischen steht die fünfte Klassenkonferenz an, das Kind wurde auch schon zweimal suspendiert. Es gibt inzwischen auch Kinder in der Klasse, die Angst vor ihm haben u. deshalb so spät wie möglich in die Schule möchten. Er ist keine Minute mit der Klasse alleine u. trotzdem schafft er es, andere zu verletzen.
Da er jetzt auch in der Ganztagsbetreuung ist, trifft er auch öfter mein Kind, das ihn gerne zu uns nach Hause einladen möchte. Da er doch in der Klasse nur zwei Freunde hat, ein Mädchen und ihn.
Ich finde das von meinem Kind sehr sozial und eigentlich möchte ich ihn darin bestärken. Aber andererseits hätte ich bei einem Besuch von dem Kind das Gefühl, die beiden nicht eine Minute aus den Augen lassen zu können. Einfach weil ich ihm nicht traue. Klar sagt mein Kind, sei seien jetzt Freunde. Aber er hat auch schon seine Freunde verhauen, wenn die nicht seiner Meinung waren.
Was würdet ihr denn machen? Freunde braucht ja eigentlich jeder.
Viele Grüße

ChristineT (Profil) schrieb am 30.01.2020 10:51

Ladet ihn ein. Du weißt nicht, wie er sich verhält, wenn Du es nicht ausprobierst. Es kann gut sein, dass er in einem anderen Umfeld ganz anders ist, je nachdem, was der Grund für seine Aggression ist. Wenn ihm in der Schule vielleicht alles zu laut/ zu viel ist, ist das bei Euch zu Hause sicher anders. Ich hatte hier auch schon "schwierige" Kinder zu Gast, die mir völlig normal erschienen. Und ich finde auch: Du hast ein tolles Kind!

Anonym schrieb am 30.01.2020 13:50

Ich bin auch für Einladen. Meine Tochter hat sich auch mit einem problematischen Kind in der Klasse angefreundet und wir haben ihn nach Hause eingeladen. Bei uns war er für mich gefühlt ein anderes Kind. Und die Lehrer haben gesagt, dass sich die Freundschaft auch positiv auf die Klassengemeinschaft ausgewirkt habe. Nur Mut! Finde ich ganz toll von deinem Kind, dass er sich kümmert!

Anonym schrieb am 30.01.2020 14:33

Hallo,

ich antworte wieder, wie schon im November.

Im Januar war ich zum Vorgespräch bei einer Kinderpsychologin. Da die Wartezeit 9 Monate beträgt, bis die Verhaltenstherapie starten kann, und auch sowohl Psychologin als auch unser behandelnder Psychiater einig sind, dass Impulsivität vor allem eine Frage der Reifung ist und in dem Alter durch Verhaltenstherapie nur im besten Fall geringfügige Änderungen herbeigeführt werden können (weil das kindliche Gehirn im Fall des "Flippens" gar nicht mehr die Strategien, die man erlernt, antizipieren kann), stand ich wieder vor der Frage: Und nun? Der Rat der Kinderpsychologin war, "auf Teufel komm raus" Freundschaften anzubahnen! Es ist nicht so, dass mein Kind keine Kontakte hat, aber er wird immer wieder zum Mitläufer, drängt sich irgendwo rein und kriegt dann logischerweise Ärger. Ihre Aussage war, das richtig zu forcieren, was ihrer Meinung nach oft schwierig wird, weil es eben Vorbehalte gibt. Ziel sollte es sein, ein oder zwei "Verbündete" zu haben, nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Schule. Tatsächlich warten wir gerade auf eine Klassenkameradin, die gleich das erste Mal für zwei Stunden zu uns kommt, und mit einem anderen Kind, der es ebenfalls nicht so leicht hat in der Schule, gibt es auch häufiger verabredeten Spielkontakt. Ob daraus Freundschaften entstehen, wird sich zeigen, aber ich merke, wie gut es meinem Kind tut, angenommen zu werden, wie unbeschwert er ist und dass es seinem Selbstbewusstsein gut tut.

Ladet das Kind gern ein!
Gruß!